"Auch Männer dürfen sich lieben"
Hartmut
Engler (44) ist als Leadsänger und Cheftexter der Kopf von "Pur", einer der
erfolgreichsten deutschen Bands. 1976 begann die Gruppe als Schülerband, mit
"Funkelperlenaugen" und "Lena" gelang ihnen der Durchbruch. Das aktuelle
Album "Es ist, wie es ist", kam am 1. September auf den Markt und stieg auf
Platz eins der Albumcharts ein. Engler hat ein Haus auf Mallorca.
Von
Sandra Müller

Würden Sie mit "Pur" ein Konzert in Spanien geben?
Nein, weil ich Berufliches und Urlaub ganz strikt trennen möchte. Es sei
denn, meine Band ist der Meinung, da zahlt uns jemand so viel Geld, dass sie
mich überreden. Aber generell ist der Eifer nicht da. Ich fühle mich
pudelwohl, wenn ich aus dem Flugzeug aussteige, dann bin ich weg von allem.
Auf dem Handy kann man mich nur ein paar Stunden erreichen, ich habe meine
Festnetzleitung abgemeldet, und ich habe nicht einmal ein Fax.
Wie war die Atmosphäre in der Band nach der Pause 2005?
Wir hatten ja 2004 noch diesen Großevent auf Schalke mit 70.000 Leuten, das
kann man nicht überbieten und danach war eine Pause nötig. Und jetzt hat
sich dieser Sinnspruch, der bei meiner Mama immer noch in der Küche hängt,
bewahrheitet: "Erst wenn du in der Fremde bist, weißt du, wie schön die
Heimat ist." Ich kam zurück und wusste, das ist meine musikalische,
berufliche und auch irgendwie persönliche Heimat.
Der Song "Mit dir" auf dem neuen Album ist Ihrem Freund und Bandkollegen
Ingo Reidl gewidmet. Wenn man das nicht wüsste, könnte man auch glauben, es
sei ein Liebeslied.
Das ist zufällig passiert, ich wollte ein Freundschaftslied machen und habe
dann festgestellt, es ist ein echtes Liebeslied geworden. Der Ingo war auch
ganz gerührt. Aber es ist eben so, dass sich auch erwachsene Männer nach
zwei Glas Rotwein in den Arm nehmen dürfen und sagen dürfen, dass sie sich
lieben. Wir sind seit 30 Jahren zusammen, geistig und auf der Bühne vereint,
das ist schon etwas Herausragendes. Eine sehr sehr tiefe Freundschaft hat
immer auch etwas mit Liebe zu tun, die Grenzen verwischen, solange man den
Begriff Liebe eben nicht auf körperlicher Ebene benutzt.
Der zentrale Song "Es ist wie es ist" entstand aus einer ernsten
Stimmbanderkrankung heraus. Wie sind Sie aus dieser Krise hervorgegangen?
Ich wollte das Lied abstrakt halten, es betrifft jeden, der nicht weiß, ob
er wieder gesund wird. Bei mir nahm es ein glückliches Ende, nach der
Operation hat der Arzt gesagt, es war gutartig und ich würde auch wieder
singen können. Mir ging es in den vergangenen Jahren gut, fast zu gut,
zumindest beruflich. Jetzt habe ich ein anderes Gefühl, wenn ich auf die
Bühne gehe. Ich weiß, das ist ein Geschenk, über das ich mich freuen sollte,
denn es könnte schon morgen anders sein.
In so einer Krise sucht man nach Alternativen. Welche neuen Wege hätten
Sie beschreiten können?
Ich hätte immer noch Texte schreiben können, wenn ich auch lieber für mich
selbst texte als für andere. Mein Sparschwein hätte auch eine Weile
gereicht. Und ich dachte sehr konkret an ein soziales Engagement. Wir haben
dieses Jahr eine Reise nach Nigeria für die Organisation SOS-Kinderdorf
unternommen, im vergangenen Jahr war ich mit meiner Freundin in Indien für
die Welthungerhilfe. Das zu sehen, hat mir als Mensch gut getan. Das
relativiert vieles, man wird wieder bescheidener. Dieses Gemeckere bei uns
fällt einem nach so einer Reise ganz besonders auf, nicht nur bei den
anderen, sondern vor allem bei sich selbst.
Sie haben das neue Album komplett in heimischer Umgebung aufgenommen. Wie
hat es das Ergebnis beeinflusst?
Es hat uns etwas entspannter gemacht. Früher haben wir zum Teil in Nashville
aufgenommen, in L.A., in London und in Belgien in diesem wahnsinnig tollen
Galaxy-Studio. Aber wir sind alle Familienväter und wir dachten, warum
sollen wir wieder ein paar Wochen von zu Hause weg sein. Die Wege sind kurz,
wir sind in unserem gewohnten Umfeld, das kommt einem im zunehmenden Alter
entgegen.
Hat sich, nachdem Sie in der Vergangenheit viel mitgemacht haben, eine
gewisse Gelassenheit breit gemacht?
Ja, der Spruch "Es ist wie es ist", ist mittlerweile in der Band weit
verbreitet. Für mich heißt das, reg dich nicht über diesen Journalisten auf,
der dich beleidigt hat, sondern kümmere dich um die, die freundlich zu dir
sind.
Entweder man liebt oder man hasst "Pur".
Ja, wobei ich das immer noch nicht begreifen kann. Lieben kann ich sehr gut
begreifen, aber hassen ist doch ein etwas starkes Gefühl, schließlich machen
wir nur Musik, und die tut bei Gott niemandem weh.
Wie gehen Sie mit dieser zum Teil sehr harten Kritik der Presse um?
Man ärgert sich schon. Gerade wenn jemand lange mit mir gesprochen hat, mir
quasi meine Zeit gestohlen hat und mich hinterher genüsslich in die Pfanne
haut, frage ich mich, wie verdient denn der sein Geld? Und da macht mir auch
mein Job weniger Spaß.
Sind Sie dadurch misstrauischer geworden?
Ich verlasse mich nach wie vor auf mein Gespür, in 90 Prozent der Fälle
erkenne ich meine Pappenheimer.
Bei ihrem jetzt abgeschlossenen Soloprojekt haben Sie bewusst vor kleinem
Publikum gespielt, als eine Art Therapie von den großen Hallen. Hat sie
angeschlagen?
Ja, mir hat das so viel Spaß gemacht, dass ich die Jungs überredet habe, bei
unserer Promotionreise für das neue Album in fünf Großstädten in kleinen
Clubs zu spielen, wie in Hamburg auf der Großen Freiheit oder im Kölner
E-Werk. Wir haben eine Woche wieder Rock ´n´ Roll gemacht wie früher, waren
danach alle urlaubsreif und es war ein rauschendes Fest. Wir mussten die
Tickets wie bei der WM verlosen, im Internet hatten sich 150.000 Leute für
die 4.500 Karten registriert.
Warum haben Sie als überzeugter deutschsprachiger Sänger ihr Soloalbum
"Just A Singer" auf Englisch aufgenommen?
Englisch macht Spaß im Studio, live entsteht allerdings eine Distanz. Live
ist es toller, deutsch zu singen, weil man eine direkte Resonanz in den
Augen der Leute sieht. Auch mit einer fremden Band zu spielen war gut, aber
es ist natürlich ein anderes Gefühl mit den alten Buddys auf der Bühne zu
stehen, die die gleiche Geschichte haben.
Wie erklären Sie sich den Boom der jungen deutschen Musik wie "Wir sind
Helden", "Juli" oder "Silbermond"?
Es war mal wieder Zeit, man kann ja nicht zwei Generationen erzählen, es
gibt nur drei Bands und die heißen "Die Ã"rzte", "Die Toten Hosen" und "Pur".
Zwischendurch gab es mal "Echt" aber die haben das, glaube ich, nicht
ausgehalten, was mit ihnen passiert ist. Wir hatten hingegen etwas Zeit uns
vorzubereiten und gingen erst mit 30 in die großen Hallen. Das darf nicht zu
früh kommen. Auch Tokio Hotel machen aus der Nähe betrachtet keinen guten
Eindruck. Ich denke, dass "Wir sind Helden" langfristig ernst zu nehmen
sind. Aber die kommen an einem Punkt in die Öffentlichkeit, wo die
Plattenindustrie so darniederliegt, dass man zwar noch berühmt werden kann,
aber nicht mehr sein ganzes Leben mit so einer Band verbringen kann. Bands
haben keine Zeit mehr, sich qualitativ aufzubauen. Da muss entweder die
erste Platte richtig knallen und dann wird sie gehypt, Beispiel
"Silbermond". Deren zweite Platte verkauft sich ganz ganz schwer, und die
erste war ein Riesenerfolg, weil die Band durch alle Medien durchgereicht
wurde, und das Mädel war auch nett. Und abseits dieser ganzen Trends gibt es
dann solche alten Säcke wie "Pur", die aber funktionieren, weil es Menschen
gibt, die diese Musik unabhängig von den Medien gut finden. Wir hatten
diesen Hype nie, sondern wir haben zehn Jahre lang gearbeitet, bis man von
uns Notiz genommen hat. Aber das ist der Zeitgeist und man geht davon aus,
dass es in zwei, drei Jahren keine CDs mehr gibt, sondern alles nur noch
digital abgeht.
Wer hatte eigentlich damals die Idee zu dem Namen "Pur"?
Wir hießen ja früher "Opus", dann kam uns 1985 die gleichnamige
österreichische Band mit "Life is live" dazwischen. Da haben wir uns in
einer Pizzeria zusammengesetzt und gesagt, bis morgen früh haben wir einen
neuen Namen. Und "Pur" war dann das Einzige, was uns vernünftig erschien. Es
gab damals in den 50er Jahren ein Waschmittel mit dem Namen, das war aber
schon eingestampft. Und dann kannte man das Wort nur im Zusammenhang mit
Whisky pur, in der Bedeutung "unverdünnt". Und so haben wir uns auch
gesehen, unsere Musik kommt unverdünnt, klar und direkt rüber. Damals gab es
allerdings das Wort, so wie es heute inflationär benutzt wird, nicht. Diese
Inflation kam im Zuge des Erfolgs des Albums "Abenteuerland", das lässt sich
auch belegen. Der erste Werbespruch danach, für eine Zigarettenmarke, hieß
"Abenteuer pur". Dann Schokobons pur und plötzlich sagte die Ansagerin im
Fernsehen nicht mehr "Wir wünschen Ihnen spannende Unterhaltung", sondern
"Wir wünschen Ihnen Spannung pur". Innerhalb von fünf Jahren war das Wort
total durchgenudelt. In Bastian Sicks Buch "Der Dativ ist dem Genitiv sein
Tod" schreibt er über uns, dass die Herren, die sich "Pur" nennen, das wohl
heute nicht mehr tun würden
Quelle:
http://www.cbrundschau.com/
